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Transformation gestalten

Wenn kleine Schritte große Wirkung haben: Als noch vor wenigen Jahren die Vertreterinnen des Büros LXSY Architektur beim Innenausbau des Impact Hub Berlin at CRCLR-House in Berlin-Neukölln den Kreislaufgedanken durchexerzierten, seien sie fast ein bisschen belächelt worden, erzählt Mitgründerin Margit Sichrovsky an einem Sommerabend 2025 in München. Materiallager einrichten, wiederverwendete Bauteile einsetzen oder Prototypen aus vorhandenen Komponenten entwickeln, all das war im großen Maßstab noch selten erprobt. Heute ist Zirkuläres Bauen aber keine Nische mehr, sondern Notwendigkeit.

Zu einem Vortrags- und Diskussionsabend über Facetten, Hürden, Vorreiterprojekte und Weitblick in der aktuellen Baupraxis trafen am 23. Juli am Münchner Standort von Dietrich Untertrifaller Mitarbeitende auf Kolleginnen und Freunde, die sich in ihrem Arbeitsalltag nicht nur der klassischen Baukunst widmen, sondern auch die nachhaltige Transformation ein Stück weit vorantreiben wollen.

Zirkuläres Bauen aus drei Blickwinkeln

Die Art, wie wir unsere Lebensräume gestalten, müsse neu verhandelt werden, sagt der Münchner Büroleiter Fredi Botz einleitend. „Wie können wir Gebäude schaffen, die mehr geben als nehmen, wie können wir zukunftsfähig bauen und wie können wir Zirkularität in unsere Arbeit einbringen?“ fragt auch die Bregenzer Architektin Cemile Stadelmann, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Laura Untertrifaller den Abend initiiert hat.

Antworten darauf gibt es aus mindestens drei Außenperspektiven. Sei es im Büroalltag von LXSY in Berlin, beim Bauunternehmen und Industrievertreter Lindner oder dem Kollektiv Supertecture, das durch seinen geographisch und kulturell weit verstreuten Erfahrungsschatz reduzierte Baukonzepte und soziale Verantwortung in die hiesige, überkomplexe Baupraxis zu übersetzen sucht.

Veranstaltungsplakat
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Margit Sichrovsky
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Berliner Perspektiven

Eines der Büros, das sich früh und umfassend dem zirkulären Gedanken verschrieben hat, ist LXSY Architektur aus Berlin. Den Architektinnen Kim Le Roux und Margit Sichrovsky schloss sich 2024 auch Wiebke Ahues als Partnerin an. Im Team mit rund 15 weiteren Mitarbeiter:innen folgen sie konsequent Grundsätzen, die sonst noch rar gesät sind in der Architekturlandschaft. Für LXSY folgt Form nicht nur Funktion, sondern auch der Verfügbarkeit vorhandener Ressourcen. Die Wiederverwendung von Bauteilen, die Umstellung der Planungs- und Bauprozesse auf gegebene Situationen, das Re-use nicht nur von Material, sondern auch von Abfall- und Reststoffen, die Rücksicht auf unterschiedliche Lebenszyklen der Gebäudeschichten und das dringende Hinterfragen von etablierten Standards im Bauwesen: all das sind Prämissen ihrer Entwurfspraxis.

Recycling sei nicht die Lösung, sondern die „allerletzte Methode“ am Ende einer Kette vorheriger Maßnahmen, denen Bedarfsreduktion, Reparatur oder Wiederverwendung voranstünden, erklärt Margit Sichrovsky in ihrem Impulsvortrag in München. Sie plädiert dafür, Häuser immer auch als zukünftige Materiallager zu betrachten. Was neu gebaut wird, muss sortenrein rückbaubar sein. Anhand des 2022 fertiggestellten Impact Hub Berlin – einem Co-Working-Konzept im CRCLR House auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln – wird deutlich, dass die Kreislaufmethode funktionieren kann. Darin finden sich etwa Altholzträger in vor Ort gestampften Hanf-Kalk-Wänden, zahlreiche Tischlerabfälle und viele weitere Elemente, die schon einmal verwendet wurden oder durch reversible Verschraubung anderenorts wieder verwendet werden können.

Für künftige Neunutzungen planen

Ein Ansatz, der auch im gastgebenden Büro seit vielen Jahren praktiziert wird. Sei es die 2015 rückgebaute und wiederverwendete Holzkonstruktion bei der Sanierung und Erweiterung zum Europazentrum Hochreute, beim modularen Baukastensystem für die Hamburger Finanzakademie, bei den Plänen für einen Technologiecampus in Straubing oder dem künftigen Wohnprojekt KREA im Münchner Kreativquartier.

Dass viele kreislaufgerechte Projekte noch allein auf dem Mut und Engagement einzelner Protagonist:innen basieren, kann auch als Appell an die Politik verstanden werden. Ein verpflichtender Gebäuderessourcenpass für öffentliche Neubauten ist derzeit auf Bundesebene wieder ausgebremst, dazu lasten viele Hürden wie die Bauteilsuche, Logistik, Gewährleistung und Zulassung noch auf den Schultern weniger. „Es kann nicht sein, dass ein Architekt oder ein Bauherr allein das ganze Risiko tragen muss.“ Es müsse „im Team und von der gesamten Gesellschaft“ gestemmt werden. „Nur so schaffen wir es, unsere Baubranche hin zu einer Kreislaufwirtschaft zu transformieren.“, beendet Sichrovsky ihren Vortrag.

Von alternativen Geschäftsmodellen und dem notwendigen Beitrag der Industrie

Dass hierbei auch der Bauindustrie eine Schlüsselrolle zukommt, hat einer ihrer Vertreter ebenfalls früh verstanden. Der Hersteller und Anbieter von Komplettlösungen für Innenausbau, Gebäudehülle und Gebäudetechnik Lindner Group aus dem bayerischen Arnstorf geht dem zirkulären Ansatz mit ganz eigenen Geschäftsmodellen nach. So können Produkte je nach Nutzungsdauer etwa nur gemietet, oder aber im Modell „Kauf mit Rückgabe“ eingesetzt werden. Dabei werden die Elemente vom Hersteller demontiert und wieder in den Kreislauf gebracht.

Der nach München gereiste Nachhaltigkeitsspezialist Marcel Gröpler – der vor Ort diesen Titel gleich relativiert mit dem Hinweis, noch lange nicht ausgelernt zu haben – sagt: „Wenn ein Gebäude nicht zirkulär ist, hat es den Titel nachhaltig nicht verdient.“ Das Unternehmen beschäftige 2000 eigene Monteure, die gleichzeitig Demonteure seien. Damit könne ein fachgerechter Rückbau der eigenen Produkte, deren Rücktransport sowie die Aufbereitung zu einem neuwertigen Produkt erfolgen. Sei es ein Doppelboden, Trennwände, Deckenelemente oder ganze Raum-in-Raum-Systeme: Eine mögliche Neunutzung müsse von vornherein mitgedacht werden, so Gröpler.

Marcel Gröpler
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Der Wert bereits verbauten Materials

Nach einer anfänglich spärlichen Bilanz sei inzwischen ein signifikanter CO2-Rückgang im Unternehmen erzielt worden. Die großen Treiber Material und Energie spielten dabei die wichtigste Rolle. So erfolge Produktion und Aufbereitung inzwischen weitgehend mit selbst erzeugten Regenerativen oder etwa in geschlossenen Wasserkreisläufen. Die zirkuläre Wertschöpfung aus den eigenen Produkten leiste außerdem den entscheidenden Beitrag, der jedoch nur funktioniert, wenn es auch ökonomisch tragbar ist. Inwiefern eine vorausschauende Planung zum Faktor Wirtschaftlichkeit beiträgt oder warum im eigenen Betrieb bald sogar fremde Gipskartonabfälle aufbereitet werden können, legt Gröpler anhand einiger Projektbeispiele dar.

Ein Beispiel für Wiederverwendung ist auch ein Projekt von Dietrich Untertrifaller. Im Ersatzneubau des Hinteralmhauses in den Mürztaler Alpen in der Steiermark sollen Bauteile aus dem Rückbau der alten Hütte wiederverwendet werden. Außerdem kommt als Sekundärmaterial ein in Platten geschnittener mineralischer Boden von Ardex zum Einsatz, der zuvor auf der diesjährigen Messe BAU am Stand der Wiener Materialservice-Agentur Ofroom gedient hat. 

Aus der weiten Welt zurück ins Allgäu

Till Lill, der dritte Speaker des Abends, ist Mitgründer des Non-Profit-Architekturkollektivs Supertecture. Dieses verfolgt seit über einem Jahrzehnt soziale Bauprojekte im globalen Süden „mit minimalen Mitteln und maximalem Impact“. Die Erfahrungen übertragen die Planenden inzwischen unter anderem auf den Süden Deutschlands, genauer ins Allgäu, wo die Gruppe ihr neues Hauptquartier wörtlich ausbaut und von wo aus sie in der Welt agiert.

Lill zeigt in München anschaulich, wie etwa in Nepal aus 700 „Erdbebenfenstern“ eine Schulerweiterung entstand oder wie aus 15.000 von der Bevölkerung gesammelten Ziegeln ein ganzes Haus gebaut wurde. Wie man Stroh, Kiefernnadeln und Kuhdung verwenden kann oder wie Supertecture in Afrika mit Reisschalenasche als Zementersatz experimentierte. Wie eingeschmolzenes Plastik oder Schindeln aus Fensterrahmen als Dach eines Kindergartens aussehen, warum aufgrund reiner Bedürftigkeit auch „jeder Flip-Flop als Abdichtung von Wellblech“ dienen kann und warum viele Bauprojekte „nicht nur aus wiederverwendetem Material entstanden sind, sondern aus der Solidarität der Menschen“ – all das ist plötzlich keine skurrile Randerscheinung mehr, sondern äußerst lehrreicher Input.

Till Lill
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Pragmatismus, den man in Krisen-, Katastrophen- und Kriegsgebieten lernt, lässt sich um Visionen, Nachhaltigkeit, Partizipation und Raumqualitäten ergänzen, sodass eine ganz eigene Ästhetik entsteht. Visionär sind nicht nur die Macher:innen, sondern zunehmend auch Bauherren aus der Heimat, durch die das Kollektiv nun auch in Deutschland Referenzen sammeln kann. Mit Ehrenamt und Crowdfunding sowie einem reichen Netzwerk für Austausch und Engagement macht Supertecture deutlich, dass man aus Kaufbeuren – der „Welthauptstadt des Zirkulären Bauens“ – in Zukunft noch viel hören wird.

Patrick Stremler
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Kollektive Anstrengung für einen positiven Impact

Wie immer mündet der Abend in einer lebhaften Diskussion. Auf die Frage, wieviel Bequemlichkeit sich die gängige Architekturpraxis noch erlauben kann, benennt Patrick Stremler ein hohes Ziel: „Wir wollen nur noch Häuser bauen, die einen netto-positiven Impact auf die Natur haben.“ Dabei müsse man als Einzelne:r wie auch in der Gruppe Verantwortung tragen. „Das leben wir als Büro trotz des Spannungsfeldes, in dem wir arbeiten – also etwa nicht gleichzeitig Auftraggeber oder Produktentwickler zu sein. Das Ziel müssen wir jedes Mal neu verhandeln und unseren Idealismus stetig einbringen. Doch es ist eine machbare Aufgabe“, sagt er.

Rethink als bereicherndes Format

Rethink heißt die noch junge Veranstaltungsreihe, die im März im Bregenzer Büro mit einem Beitrag zur Abrissdebatte und der HouseEurope!-Initiative begann. Die thematische Brücke reicht bis Ende Juli nach München. „Das größte wiederzuverwendende Bauteil ist der Gebäudebestand,“ fasst Margit Sichrovsky am Ende der Diskussion zusammen.

Mit dem gewohnten Livestream an alle Standorte in Europa sowie vor geladenen Gästen im Münchner Glockenbachviertel konnten erneut wichtige Impulse für die eigene Arbeit gewonnen – und vielleicht ein Stück weit auch ausgesendet werden. In der nächsten Ausgabe von rethink Ende des Jahres in Wien wird es um Inklusion gehen. Eine Aufgabe, die neben Planenden und Entscheidern immer auch die Stadtgesellschaft betrifft – und da dürfte die Wiener Perspektive sicher wieder bereichernd sein.

Eine Dokumentation des Abends gibt es in unserem Kurzfilm DTFLR x rethink:transformation.

Diskussion und Get-together nach den Vorträgen
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Text: Sabina Strambu, August 2025

Abriss überdenken

"Vive la Renovation!“ Mit diesem Slogan beendet Verena Konrad im Bregenzer Büro von Dietrich Untertrifaller einen mitreißenden Vortrag zu HouseEurope!. Die Direktorin des vai – Vorarlberger Architektur Instituts ist Mitinitiatorin und Organisatorin für Österreich der laufenden, EU-weiten Bürgerinitiative. Damit wird erstmalig auf höchster politischer Ebene die Abbruchpraxis im Bauwesen thematisiert, hinterfragt und um Gesetzesvorschläge ergänzt. Denn für die meisten steht fest: Der Erhaltungswert von Bestand muss weit über die Fachwelt hinaus erkannt, Abriss hingegen dringend überdacht werden.

Überdenken? Dafür steht das englische Wort Rethink. Nicht nur zufällig lautet so auch der Name einer neuen hybriden Veranstaltungsreihe, die das Team von Dietrich Untertrifaller initiiert und am Weltreyclingtag, den 18. März 2025 lanciert hat.

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Urban Renaissance

Wie sehen die Städte der Zukunft aus? Wie gestalten wir sie so, dass sie nachhaltig, lebenswert und sozial durchmischt bleiben? Im Gespräch mit dem Journalisten Sergej Abramov von Lider media formuliert Dominik Philipp klare Perspektiven auf ein neues urbanes Selbstverständnis – zwischen digitalen Werkzeugen, Holzbau, Kreislaufwirtschaft und sozialer Verantwortung.

Was bedeutet es heute, urban zu denken? Städte von morgen sind sozial durchmischt, ökologisch resilient und architektonisch wandlungsfähig. Es geht um mehr als Funktionalität – es geht um Lebensqualität und Nachhaltigkeit.

8 Take Aways aus dem Gespräch

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Hinteralmhaus, Neuberg an der Mürz (AT)
Holzbau, Zirkuläres Bauen

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NoA – Norddeutsche Akademie für Finanzen und Steuerrecht, Hamburg (DE)
Neubau, Holzbau, , Bauen im Bestand

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KREA Wohnen, München (DE)
Neubau, Geförderter Wohnbau, Quartiersentwicklung

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