© Florian Spring

Abriss überdenken

"Vive la Renovation!“ Mit diesem Slogan beendet Verena Konrad im Bregenzer Büro von Dietrich Untertrifaller einen mitreißenden Vortrag zu HouseEurope!. Die Direktorin des vai – Vorarlberger Architektur Instituts ist Mitinitiatorin und Organisatorin für Österreich der laufenden, EU-weiten Bürgerinitiative. Damit wird erstmalig auf höchster politischer Ebene die Abbruchpraxis im Bauwesen thematisiert, hinterfragt und um Gesetzesvorschläge ergänzt. Denn für die meisten steht fest: Der Erhaltungswert von Bestand muss weit über die Fachwelt hinaus erkannt, Abriss hingegen dringend überdacht werden.

Überdenken? Dafür steht das englische Wort Rethink. Nicht nur zufällig lautet so auch der Name einer neuen hybriden Veranstaltungsreihe, die das Team von Dietrich Untertrifaller initiiert und am Weltreyclingtag, den 18. März 2025 lanciert hat.

Patrick Stremler und Much Untertrifaller
© Markus König

Drei Ansätze – ein Ziel

Vor rund 55 Mitarbeiter:innen und geladenen Gästen im Büro in Bregenz und mindestens so vielen Zuhörer:innen per Livestream an den weiteren Standorten in München, Wien, Frankfurt, St. Gallen oder Paris setzt in Vorarlberg das neue Vortrags- und Gesprächsformat an. Damit sollen Impulse für die eigene Arbeit gewonnen, die Bemühungen um eine klima- und sozialgerechte Architektur in den Kontext aktueller politischer Entwicklungen gesetzt, der Diskurs ins Haus geholt und im besten Fall multiplikativ nach außen getragen werden.

„Wir machen Architektur nicht alleine“, sagt Patrick Stremler einleitend. Unter den Gästen auch externe Partner:innen, Wegbegleiter:innen und Entscheidungsträger:innen aus der Region. „Wir müssen uns der Diskussion stellen“, sagt auch Much Untertrifaller, der betont, dass sich das landläufige Verständnis von Architektur als reines Vorzeigen gestalterischer Ergebnisse längst gewandelt hat. Die beiden Stimmen stehen dabei stellvertretend für ein Büro, das von Anfang an erkannt hat, wo ökologische Verantwortung beginnt: nämlich am eigenen Planungstisch.

Karoline Mayer, Leon Beck und Verena Konrad im Gespräch mit dem Publikum
© Markus König

Ökologische Verantwortung ernst nehmen

Die Impulse von außen setzt an dem Abend neben Verena Konrad auch der süddeutsche Architekt Leon Beck von Architects for Future.  Als Vortragende und Moderatorin ist außerdem Karoline Mayer zu Gast, die mit Ausstellungen und Publikationen die Bodenpreisentwicklung und den spekulativen Leerstand als Motoren der gängigen Abrisspraxis und aktuellen Wohnungsnot benennt.

Dies wird auch im eingangs von Verena Konrad vorgestellten Filmausschnitt des Kampagnen- und Dokumentarfilms für HouseEurope! deutlich: Profitorientierte Finanzsysteme stehen dem planetaren Überlebenskampf diametral entgegen. Dass Umbau und Bestandserhalt Schlüsselfaktoren sind für die Reduktion der immensen CO2- und Abfalllast der Baubranche, ist auf entscheidender rechtlicher und politischer Ebene aber noch nicht angekommen. Da setzt HouseEurope! an.

Verena Konrad
© Elitsa Shishkova

HouseEurope!

Verena Konrad beschreibt in ihrem Vortrag sehr lebendig und persönlich, wie es vor zwei Jahren zur Zusammenarbeit mit dem Co-Initiator der EU-weiten Kampagne Arno Brandlhuber und dem Team von Station+ an der ETH Zürich kam, welche Schritte es erforderte, die Initiative in Österreich zu verankern und was sie sich für die nächsten Monate erhofft.

Sie beobachtet, wie das Engagement gegen Abriss mehrheitlich von einer jungen Generation getragen wird, und erklärt, warum wir dem Druck der Jungen nachkommen müssen. Sie beschreibt auch, welcher Lernprozess das Projekt begleitet, wie einfach und doch arbeitsintensiv politische Implikation sein kann und vor allem, was sie ungebrochen motiviert. Der „Crashkurs in Demokratie auf europäischer Ebene“, wie sie die jüngste Erfahrung in ihrem vielseitigen Tätigkeitsspektrum nennt, sei in Zeiten des Populismus erst recht wichtig.

Zu den Gesetzesforderungen der HouseEurope!-Initiative zählen erstens eine Mehrwertsteuersenkung auf Sanierungsprodukte und -arbeitsleistungen, wie sie in manchen EU-Ländern schon existiert. Dazu sollen zweitens die Risikobewertung von Bestand im Vergleich zum Neubau fair reguliert und drittens auch Bestandsgebäude in Ökobilanzierungsprozessen berücksichtigt werden.

Livestream an den Standort München
© Jacqueline Horn
HouseEurope!

Parallel will die Kampagne aber unbedingt auch Bewusstsein schaffen. Bis 31. Januar 2026 bleibt Zeit, europaweit 1 Million Unterschriften zu sammeln. Dafür wurde ein internationales Netzwerk an Mitstreiter:innen aufgebaut.

Gespräche vor und nach dem Event
© Elitsa Shishkova

Netzwerke des Engagements

Die European Citizen Initiative (ECI), wie der formale Rahmen für HouseEurope! heißt, wird auch von Architects for Future weitergetragen. Vernetzung und Engagement liegt in der DNA der Gruppe, die sich 2019 gründete und stetig wächst. Leon Beck, der zweite Speaker an diesem Abend, geht in seinem Vortrag auf Strategien zur Abrissvermeidung ein, die A4F seit rund 2,5 Jahren verfolgen. Anhand von Beispielen aus dem deutschsprachigen Raum zeigt er, wie Aufmerksamkeit für die Thematik oder alternative Ideen zum Abrissvorhaben generiert werden können.

Die in Ortsgruppen organisierten Ehrenamtlichen haben selbst 10 Forderungen an die Politik formuliert, die sich unter anderem dem Umgang mit Bestand widmen. Projekte wie der Abriss-Atlas oder die Beteiligung am interdisziplinären Bündnis Anti-Abriss-Allianz zeigen einmal mehr, wie durch fundierte Recherche, branchennahe Expertise und Vernetzung wirksam agiert werden kann. Immer auch außerhalb der Fachwelt will man Gehör dabei finden. 

Führung mit den Speaker:innen zum Festspielhaus
© Cemile Stadelmann

Ökologisch-soziale Folgen des Bodenverbrauchs

Für das Architekturzentrum Wien AzW kuratierten Karoline Mayer und Katharina Ritter die Ausstellungen Boden für Alle und Über Tourismus. In Bregenz untermalt Karoline Mayer mithilfe präziser Daten die Zusammenhänge zwischen ökonomisch motivierter Bodenpolitik oder tourismusbedingtem Leerstand und ökologisch-sozialen Folgen.

Sie erklärt dabei unter anderem das Bauland-Paradoxon in Österreich, stellt täglichen Bodenverbrauch und -versiegelung in Relation, geht auf die spekulativen Kräfte ein, die "am Boden zerren“ und auf die Auswirkungen des wachsenden Phänomens Freizeitwohnsitz. Nicht zuletzt zeigt sie eine Auswahl an Projekten, die Hoffnung machen. "Wir wollen immer auch zeigen, dass es anders geht, “ sagt sie zu den Inhalten ihrer Ausstellungen, die seit einigen Jahren durch Österreich touren und dadurch so viele Menschen wie möglich erreichen sollen.

Weitere geplante Ausgaben der Reihe

Initiiert und organisiert von den beiden Architektinnen Cemile Stadelmann und Laura Untertrifaller, geht in Bregenz ein gelungener Abend zu Ende. Weitere geplante Ausgaben der Reihe, zunächst in Wien und München, werden sich voraussichtlich den Themen Inklusion und Regularien widmen. Denn durch Mut und Engagement wird in der aktuellen Baupraxis derzeit einiges neu gedacht. Das bürointerne Konzept, diese Debatten aktiv zu fördern, muss man nach diesem Auftakt sicher nicht überdenken.

Text: Sabina Strambu, März 2025

Transformation gestalten

Wenn kleine Schritte große Wirkung haben: Als noch vor wenigen Jahren die Vertreterinnen des Büros LXSY Architektur beim Innenausbau des Impact Hub Berlin at CRCLR-House in Berlin-Neukölln den Kreislaufgedanken durchexerzierten, seien sie fast ein bisschen belächelt worden, erzählt Mitgründerin Margit Sichrovsky an einem Sommerabend 2025 in München. Materiallager einrichten, wiederverwendete Bauteile einsetzen oder Prototypen aus vorhandenen Komponenten entwickeln, all das war im großen Maßstab noch selten erprobt. Heute ist Zirkuläres Bauen aber keine Nische mehr, sondern Notwendigkeit.

Zu einem Vortrags- und Diskussionsabend über Facetten, Hürden, Vorreiterprojekte und Weitblick in der aktuellen Baupraxis trafen am 23. Juli am Münchner Standort von Dietrich Untertrifaller Mitarbeitende auf Kolleginnen und Freunde, die sich in ihrem Arbeitsalltag nicht nur der klassischen Baukunst widmen, sondern auch die nachhaltige Transformation ein Stück weit vorantreiben wollen.

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Aufstocken und Weiterbauen

Bauen im Bestand hat eine lange Tradition und ist heute wichtiger denn je. Wie wir mit unseren Bestandsbauten umgehen, zählt in den kommenden Jahrzehnten zu den größten Herausforderungen unserer Branche und hat höchste Relevanz für den Klimaschutz. Mehr noch als deren Betrieb ist die versteckte, graue Energie und die Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus ausschlaggebend für deren Bilanz.

Das nachhaltigste Gebäude ist deshalb jenes, das schon da ist. Das Um- und Weiterbauen stellt für Architekt:innen und alle Planungsbeteiligten eine spannende Herausforderung dar, die viel Kreativität und Flexibilität fordert.

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Lycée Evariste Galois, Sartrouville (FR)
Neubau, Bauen im Bestand, Sanierung, Holzbau

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Festspielhaus Bregenz (AT)
Neubau, Bauen im Bestand, Sanierung

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Angelika Kauffmann Museum, Schwarzenberg (AT)
Bauen im Bestand, Denkmalschutz, Holzbau

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