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Arbeitswelten neu denken

Arbeitswelten neu denken – gemeinsam, interdisziplinär, mit mehreren Perspektiven

Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel – und mit ihr die Frage, welche Rolle physische Räume künftig für Kultur, Identität und produktives Miteinander spielen. Beim Abendevent in Frankfurt beleuchteten Vitra, M.O.O.CON, Wöhr & Bauer und Dietrich Untertrifaller genau dieses Spannungsfeld: Wie sieht ein Büro aus, das Menschen wirklich anzieht? Welche Bedeutung haben Organisation, Kultur, Möbelkreisläufe und räumliche Gestaltung? Und wie entsteht aus diesen Komponenten ein Arbeitsumfeld, das langfristig trägt?

Im Austausch zeigte sich schnell, dass Arbeitswelten nicht eindimensional gedacht werden können. Erst die Verbindung von organisatorischer Klarheit, räumlicher Qualität, ökonomischen Rahmenbedingungen und nachhaltigen Material- sowie Möbelsystemen führt zu einem ganzheitlichen Verständnis. Arbeitsräume sind keine Inseln; sie entstehen im Zusammenspiel vieler Disziplinen – und genau dort entsteht ihr Potenzial.

Zukunftsfähige Räume für Kultur, Produktivität und Identität

Hybrides Arbeiten hat sich etabliert, dennoch stehen vielerorts Büroflächen leer. Manche Gebäude verfügen über wertvolle Substanz, andere drohen zu Stranded Assets zu werden. Die entscheidende Frage lautet heute daher weniger, ob Büros relevant bleiben, sondern wofür sie stehen – und wie sie als Orte der Begegnung und Identifikation in Zeiten verteilter Teams funktionieren können.

In Frankfurt wurde deutlich, wie sehr sich die Perspektiven der Beteiligten ergänzen: M.O.O.CON stellte heraus, welche Bedürfnisse Organisationen und Teams heute wirklich haben; Vitra zeigte, wie kreislauffähige Möbelsysteme und atmosphärische Qualitäten Räume prägen; Wöhr & Bauer erläuterte die baulichen und wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen Zukunftsfähigkeit entsteht; und Dietrich Untertrifaller verdeutlichte, wie sich diese Erkenntnisse räumlich übersetzen lassen.

Aus diesem Austausch entstand ein gemeinsames Bild: Zukunftsfähige Arbeitswelten ermöglichen Nähe, stiften Sinn und laden dazu ein, Teil einer Kultur zu sein, die im Alltag spürbar ist.

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Michael Wiebelt
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Vom Arbeitsplatz zum Resonanzraum

Räume können Kultur transportieren – oder sie unsichtbar machen. In Zeiten, in denen Teams zwischen Homeoffice, Third Places und Büro pendeln, wächst die Bedeutung des physischen Ortes: Er wird zum Resonanzraum für Unternehmenskultur, für Rituale, für spontane Ideen, für das, was sich digital nicht nachbilden lässt.

Prof. Heinrich Lessing brachte es beim Event auf den Punkt: Räume, zu denen Menschen zurückkehren wollen, sind solche, in denen Begegnung gelingt. Räume, die Atmosphäre schaffen, Orientierung bieten und Beziehungen stärken.

Warum Präsenz nicht verordnet werden kann

Michael Wiebelt (M.O.O.CON) machte deutlich, warum viele „Back-to-Office“-Strategien ins Leere laufen: Man könne nicht Selbstbestimmung einfordern und gleichzeitig Präsenz vorschreiben. Entscheidend seien Faktoren wie Zugehörigkeit, Nähe, gelebte Identität und das Gefühl, im Austausch zu wachsen. Erst dann entsteht freiwillige Präsenz – und mit ihr jene Bindung, die Unternehmen für Innovationskraft und Zusammenarbeit brauchen.

Architektur kann diese Dynamiken unterstützen, aber nicht ersetzen. Sie schafft Rahmenbedingungen, die Sinn erlebbar machen – vorausgesetzt, Organisation und Haltung stehen nicht im Widerspruch dazu.

Zuhören vor Gestalten – warum Programme Räume formen

Dominik Philipp, Partner bei Dietrich Untertrifaller betonte, dass gute Arbeitswelten nicht mit Möbeln beginnen, sondern mit einem präzisen Verständnis der Arbeit selbst. Welche Abläufe prägen den Alltag? Wo entstehen Ideen? Wo braucht es Rückzug, wo Austausch?

Design entsteht aus diesen Programmen – nicht umgekehrt. Räume, die aus den tatsächlichen Bedürfnissen heraus entwickelt werden, schaffen Orientierung, stärken Prozesse und wirken weniger wie gestalterische Kulissen, sondern wie Teil einer lebendigen Arbeitskultur.

Dominik Philipp
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Jonathan Wieberneit
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Bestand als Ressource – wenn Substanz trägt

Bestandsgebäude prägen Städte und bieten enormes Potenzial. Viele Strukturen verfügen über Wert, Atmosphäre und Robustheit. Andere wiederum sind energetisch kaum ertüchtigbar oder so unflexibel, dass ein Weiterbauen wenig sinnvoll erscheint.

Jonathan Wieberneit (Wöhr & Bauer) zeigte anhand aktueller Projekte, dass der Erhalt geeigneter Gebäude bis zu 40 Prozent CO₂ aus der Bauphase einsparen kann. Zugleich betonte er, dass Haltung allein nicht genügt: Nachhaltigkeit lebt von fundierten Analysen – davon, zu erkennen, wann Substanz trägt und wann nicht.

Dominik Philipp ergänzte diesen Gedanken: Ein Haus habe eine Geschichte, die man weiterführen könne – aber nur, wenn die Grundlage stimmt.

Am Ort denken: Architektur als körperliche Erfahrung

Für Dietrich Untertrifaller gehört es zur Praxis, möglichst nahe am Gebäude selbst zu arbeiten. Nicht Remote Planning, sondern ein Arbeiten im Dialog mit Licht, Material und Atmosphäre. Planung dort, wo das Gebäude steht – so wie Handwerker am Ort bauen.

Diese Haltung führt zu Räumen, die präziser auf die vorhandene Substanz reagieren und spürbar mit ihr verbunden sind. „Gute Ästhetik ist nicht neu oder alt – sie ist stimmig“, formulierte Philipp. Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit zwischen dem, was ein Ort war, und dem, was er werden soll.

Magnetische Arbeitswelten: Projekte aus der Praxis

Wie sich die in Frankfurt diskutierten Haltungen räumlich übersetzen lassen, zeigt ein Blick auf Projekte, die die gemeinsame Denkweise besonders greifbar machen.

Der Omicron Campus in Klaus etwa verbindet räumliche Qualität mit kultureller Klarheit und schafft eine Arbeitsumgebung, die internationale Talente anzieht. Das i+R Headquarters in Lauterach übersetzt Offenheit und Transparenz in architektonische Strukturen, die Kommunikation fördern. Der legero united Campus in Feldkirchen zeigt, wie Gleichwertigkeit und Gemeinschaft in einer mitwachsenden, ringförmigen Architektur verankert werden können.

Mit der NoA Hamburg entstehen hybride Lern- und Arbeitswelten, deren Modularität flexibel auf künftige Anforderungen reagiert. Und mit NEXUS Baar sowie dem Bürohaus in der Schwanthalerstraße München wird sichtbar, wie sich das „nächste Leben“ eines Gebäudes von Beginn an mitdenken lässt: zirkulär, wandelbar, demontierbar.

Gemeinsam verdeutlichen diese Beispiele, dass räumliche Qualität Kultur verstärken kann – ohne sie zu ersetzen.

Zirkularität als ökonomische Aufgabe

Nachhaltigkeit ist längst kein ästhetisches Ideal mehr. Für Jonathan Wieberneit ist Zirkularität ein ökonomischer Imperativ. Wert entstehe durch Menschen, nicht durch Mauern. Entscheidend sei, welche strukturelle Qualität ein Gebäude besitzt und welche Zukunftsszenarien es ermöglicht.

Kreisläufe im Mobiliar – ein oft unterschätzter Hebel

Vitra erinnerte daran, dass zirkuläres Denken nicht an der Gebäudehülle endet. Möbel, Materialien und Prozesse tragen wesentlich zur Ressourceneffizienz bei – vorausgesetzt, sie werden frühzeitig in den Planungsprozess integriert. Pflege, Wiederaufbereitung und flexible Nutzungssysteme verlängern Produktlebenszyklen und reduzieren ökologische Belastungen spürbar.

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Ralf Schmitz, Dominik Philipp, Jonathan Wieberneit und Michael Wiebelt (v.l.n.r.)
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Integrale Planung : Prozess als Haltung

Während früher lineare Abläufe dominierten, entstehen zukunftsfähige Arbeitswelten heute im Austausch zwischen Nutzer:innen, Organisation und Gestaltung. Formate wie integrale Planungswerkstätten oder BIG ROOMS – oft direkt im Gebäude selbst – verbinden räumliche Fragen mit kulturellen und organisatorischen Themen.

Am Anfang stehen wenige, aber grundlegende Fragen: Wofür soll dieser Ort stehen? Welche Begegnungen werden hier wichtig? Welche Qualitäten des Bestands tragen, welche behindern? Aus den Antworten entsteht ein Raumgerüst, das sich weiterentwickeln kann, statt statisch zu bleiben.

Fazit: Arbeitswelten als Beziehungsräume

„Architektur denkt heute weniger in Objekten – und stärker in Beziehungen“, so Dominik Philipp.
Prof. Heinrich Lessing ergänzte: „Es geht um Orte der Begegnung – nicht um Flächen. Atmosphäre ist der Motor kreativer Kultur.“

Was bleibt, ist ein gemeinsamer Blick der vier Partner:
Wer Arbeitswelten gestaltet, gestaltet Beziehungen – zwischen Menschen, Organisationen und ihrer gebauten Umwelt. Genau in diesem Zusammenwirken entsteht die Zukunft des Büros.

Get-together nach den Vorträgen
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Text: Linda Pezzei

Mehr zum Thema gibt es im aktuellen Whitepaper von M.O.O.CON.